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«DRUFFÄ.»


AUS DEM LEBEN EINES BERNER DROGENSÜCHTIGEN

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«Druffä» gibt Einblick in ein Leben, wie es der öffentlichen Wahrnehmung in der Schweiz heute weitgehend entrückt ist, ein Leben in dauerhafter schwerer Sucht am sozialen Rand. Die Serie erzählt von Peter „Pit“ Reichen, der seit über 25 Jahren «druffä» ist, das heisst süchtig nach harten Drogen. Derzeit wohnt Pit in der betreuten Wege Weierbühl in Köniz. Jeden Morgen und Abend fährt er zur KODA, zur kontrollierten Drogenabgabe in der Stadt Bern, wo er sein Heroin bezieht. Pit pflegt engen Kontakt zu seiner Mutter und seinem Bruder. Seine Freundin ist 2011 an den Folgen eines Infektes verstorben. Die Serie begleitet ihn auf sein Zimmer, bei der Suche nach einem Briefli Weissem, auf die Arbeit und beim wöchentlichen Besuch seiner Mutter in Spiez.

Ich habe Pit über vier Jahre mit der Kamera begleitet. In einem 2019 erschienen Buch werden die Fotografien mit Geschichten aus dem Suchtalltag ergänzt, die Pit seinem Bruder erzählt hat, dem Schriftsteller Roland Reichen.


Hier gibt es weitere Informationen zum Buch.

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DER AFF


Am Morgen ist es also ganz schlimm. Fiebrig. Flau im Magen, dass es mir fast hochkommt. Die Knochen schmerzen. Ich schwitze Bäche – und gleichzeitig nadelt es mich, als ob ich nackt im Schnee steckte. An Duschen ist so natürlich nicht zu denken. Schon wenn ich nur daran denke, tschuderet es mich. Schnell in die Hudeln von gestern. Und die Silvia, meine Betreuerin in der WG, die muss jetzt natürlich nicht meinen, dass ich mit ihr noch die Wäsche erlese, bevor ich auf den Bus stresse. «Silvia, du weisst, ich halte das jetzt nich aus», sage ich ihr. «Wir bekommen nur Streit. Ich mache es dann nachher, versprochen.» Ich nehme das Büchsli Energy Drink aus dem Karton unter dem Bett. Kaffee vertrage ich ja nicht mehr. Draussen die erste Zigi. Bei dem kleinen Stutz, hinauf zur Bushaltestelle, spüre ich die Niere. Fast ein halbes Jahr lang war ich 2011 wegen der rechten Niere im Inselspital, weil ich dort einen riesigen Abszess hatte. «Herr Reichen», hat mir der Arzt bei der letzten Kontrolle gesagt, «wenn Sie noch einmal mit einem Abszess hier ankommen, dann können Sie den Sarg gleich mitnehmen.»


Meinen ersten Aff habe ich 1992 geschoben, bei meinen Eltern in Spiez. Es gab da ein Mädchen, ein ganz ein süsses, in das ich ein bisschen verliebt war. Ich wusste, dass sie ab und zu gern eine Nase Eitsch nimmt, also Heroin als Pulver schnupft. Ich wollte das auch einmal probieren. Mein Kollege, der da Beziehungen hatte, sagte, das koste mich einen Lappen, also hundert Franken – und gab mir einen Plastikbeutel, der zwei Wochen reichte. Anfangs habe ich schon nur am Abend genommen. Und auch nicht jeden Tag. Aber an einem Montagmorgen, jä, da erwache ich mit Fieber, Schnudderi und Schüttelfrost. Ich sage dem Mami schon: «Du, ruf beim Liniger an, ich bin krank, ich kann heute nicht kommen!» Wo das Mami telefoniert, schnupfe ich die letzten Pulverspuren aus dem Plastikbeutel – die Grippe wie weggeblasen. Da wusste ich: Scheisse, jetzt bin ich druffä.


(Auszug aus dem Buch «DRUFFÄ.». Text: Peter Reichen und Roland Reichen)

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